Die Schatten der Vergangenheit

NortonGraham Norton hat mit Eine irische Familiengeschichte einen spannenden Unterhaltungsroman geschrieben

Eine irische Familiengeschichte beginnt recht harmlos. Doch seien Sie gewarnt! Der zweite Roman des Iren Graham Norton ist viel spannender, als sein vor zwei Jahren erschienener Kriminalroman Ein irischer Dorfpolizist. Es wird abgründig, etwas unheimlich und psychologisch verzwickt – irische Landatmosphäre inklusive.

Elisabeth lebt seit vielen Jahren in New York und besucht ihre Heimat in Irland, um das Haus ihrer verstorbenen Mutter aufzulösen. Als sie alte Briefe ihres Vaters findet, den sie nie kennengelernt hat, steht sie vor einem Rätsel und man denkt an dieser Stelle des Romans noch: Bitte nicht schon wieder heimliche Briefe aus der Vergangenheit, gefunden in einer versteckten Kiste in einem alten Haus. Doch dann ist die Geschichte nicht so typisch, wie man zunächst befürchtet hat.

Denn bald erfährt sie, dass sie ein weiteres Haus geerbt hat – das Haus ihres Vaters. Doch den hat sie nie kennengelernt und Elisabeth glaubte, er sei tot. Doch dann trifft sie auf Menschen, die mehr über ihre Familienverhältnisse und ihre Herkunft wissen als sie selbst. Demnach hat Elisabeths Mutter als junge Frau den Heimatort verlassen, um zu heiraten. Einige Monate später kehrte sie mit einem Baby, aber ohne Ehemann, zurück. Doch sie hat nie darüber gesprochen, was in dieser Zeit vorgefallen ist.

Elisabeth hat ihre Mutter Zeit ihres Lebens für eine kleingeistige Frau mit strengen moralischen Vorstellungen gehalten. Wie wenig sie über ihre Mutter tatsächlich wusste, stellt sie jetzt nach deren Tod fest. Und auch wie fremd ihr, an das Großstadtleben gewohnt, die irische Heimat geworden ist. Elisabeth selbst ist sehr angespannt, seit sich ihr Ehemann nach seinem Comingout von ihr getrennt hat. Außerdem hat ihr Sohn seine erste Freundin, doch diese Konstellation entspricht nicht gerade der „gesellschaftlichen Norm“. Elisabeth ahnt nicht, welchen Spagat ihre eigene Mutter damals machen musste, um der Tochter ein normales Leben zu ermöglichen.

Im Mittelpunkt dieser Familiengeschichte steht eine kranke Mutter-Sohn Beziehung. Abwechselnd wird auf zwei Zeitebenen erzählt, wie die Leben der Personen miteinander verstrickt sind. Voller Spannung verfolgt man ihre Abgründe und Geheimnisse und dabei entwickelt sich diese „irische Familiengeschichte“ zum halben Psychothriller (jedenfalls aus Sicht einer zart besaiteten Leserin).

Land und Leute mit all ihren Schwächen, Sehnsüchten und Wünschen werden in diesem stimmungsvollen Roman einfühlsam beschrieben und bald hat man das Gefühl, ein Stück Irland kennengelernt zu haben. Es bleibt spannend bis zur letzten Seite und die Charakterisierung der Personen ist gut gelungen und könnte nicht treffender sein.

Der Ire Graham Norton, in seinem Heimatland als Schauspieler, Comedian und Talkmaster bereits bekannt, ist ein großartiger Erzähler und hat einen fesselnden Roman geschrieben, der manchmal, zumindest in abgeschwächter Form, an Stephen Kings Misery erinnert. Dieser gut erzählte Roman ist ein echtes Leseerlebnis für Fans der spannenden Unterhaltungsliteratur – am besten mit einem Glas Guinness genießen!                        

Graham Norton. Eine irische Familiengeschichte
Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus
Kindler Verlag, 22,00 EUR, ISBN-(13): 9783463407203                                                  

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