Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau

wolitzerMeg Wolitzer erzählt die Geschichte einer nur auf den ersten Blick ganz gewöhnlichen Ehe

Joe Castleman hat es geschafft! Als Schriftsteller ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen und befindet sich auf dem Flug nach Finnland. Dort soll er den wichtigsten Literaturpreis entgegennehmen. Sein Name wird damit in die Literaturgeschichte eingehen. Höchst zufrieden sitzt er neben seiner Frau Joan im Flugzeug und sieht der Preisverleihung in freudiger Erwartung entgegen. Joan hat alle Höhen und Tiefen seines Schriftstellerdaseins miterlebt und fasst auf dem Flug einen Entschluss: Sobald die Feierlichkeiten überstanden sind, wird sie ihren Mann verlassen. So beginnt Meg Wolitzers raffinierter Roman Die Ehefrau, in der die typische Ehe eines Paares der 50er Jahre erzählt wird – so glaubt man zunächst…

Joan blickt auf die vielen Ehejahre zurück, die nun hinter ihr liegen. Erstaunlich abgeklärt sind ihre Schilderungen vom Leben an der Seite des berühmten Schriftstellers, für den sie auf vieles verzichtet hat. Ihre Bilanz, die sie im Flugzeug zieht, ist weder von Larmoyanz noch von Wehmut geprägt, doch der analytische Blick der „Schriftstellergattin“ ist dafür umso schärfer. Schon die ersten Seiten lassen ahnen, dass sie die Überlegenere ist und ihren Mann plötzlich anders betrachtet, als sie es in den vielen Ehejahren zuvor getan hat.

Wir waren auf dem Weg zum Ende unserer Ehe, bewegten uns auf den Punkt zu, an dem ich endlich den Stecker ziehen und mich von dem Ehemann trennen dürfte, mit dem ich Jahr um Jahr zusammen gelebt hatte (….). Er sah plötzlich zu mir herüber, betrachtete mein Gesicht und sagte:“Ist irgendwas? Du siehst ein bisschen…ich weiß nicht, wie aus.“ „Nein, es ist nichts“, erwiderte ich. „Jedenfalls nichts, worüber man jetzt reden müsste.“ Das reichte Ihm als Antwort; während er sich wieder seinem Teller mit Keksen zuwandte, blähte ein kurzes Aufstoßen seine Wangen wie die eines Frosches. Es war nicht einfach, diesen Mann aus der Ruhe zu bringen; er hatte alles, was er sich nur wünschen konnte.(…).

 Er ist als Schriftsteller zunächst ohne Erfolg. Sie versorgt die Kinder und ihn und die Ehe ist mehr oder weniger glücklich. Die Entbehrungen vor Joes ersehntem künstlerischem Erfolg sind bald überwunden, denn als der schriftstellerische Durchbruch geschafft ist, stellt sich schnell Wohlstand ein. Früher einmal war Joan seine Literaturstudentin und wie viele Studentinnen bewunderte sie den sympathischen Dozenten, der später ihr Ehemann werden sollte. Um ihm hilfreich zur Seite zu stehen, gab Joan bald ihren Job in der Literaturagentur auf. Mit den zunehmenden schriftstellerischen Erfolgen nehmen auch seine außerehelichen Affären zu, die Joan aber scheinbar nicht zur Kenntnis nimmt. Man könnte meinen, nichts Besonderes in einer Ehe mit einem Künstler – und doch ist es hier anders. Was nach und nach zu Tage kommt, hat wohl niemand aus dem Umfeld des Paares geahnt und selbst wenn gegen Ende der Lektüre alles klar scheint, ist sogar der Schluss dieses spannend erzählten Romans noch einmal überraschend.

Mit psychologischem Gespür nimmt die 1959 in New York geborene Autorin die äußerst reflektierte Perspektive einer Frau ein, die, obwohl ihrem Mann überlegen, trotzdem ihr ganzes Leben hinter ihn zurückgetreten ist und sich mit der Rolle als „Frau an seiner Seite“ zufriedengegeben hat. Aus ihrem Blick wird dieser wunderbare Roman mit seinen feinen Charakterstudien erzählt. Brillant!

Meg Wolitzer: Die Ehefrau
Übersetzt von Stephan Kleiner
DuMont Verlag, 2016
270 Seiten, 23,00 EUR
ISBN-13: 978-3-8321-9816-9

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