Eine Frage der Moral

Wird ein Flüchtling ohne Fahrschein von einem Fahrkartenkontrolleur erwischt, würde sich wahrscheinlich die Mehrheit im Zug dafür aussprechen, ihn nicht zu bestrafen, sondern eher vom Kontrolleur erwarten, dass er bei einem Menschen in einem fremden Land, mit fremder Sprache und offensichtlich schwierigen Lebensumständen ein Auge zudrückt. Ist man nicht sogar entrüstet, wenn der Kontrolleur anders handelt? Schnell stellt sich in einer solchen Situation die Frage nach Moral und Menschlichkeit. Hat nicht jeder schon einmal erlebt, dass ihm selbst geholfen wurde und die Regeln nicht so streng befolgt wurden, wie es das Gesetz eigentlich vorschreibt?

Rose Tremains neuer Roman Und damit fing es an berührt diese Problematik, denn auch hier wird der Widerstand des „kleinen Mannes“ und die Frage nach Zivilcourage thematisiert. Weiterlesen

Die doppelte Wende

Eva Ladipo verbindet in ihrem ersten Roman zwei Themen: die Energiewende nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima und die Deutsche Wende von 1989.

René Hartenstein hat eine Karriere hinter sich, die man nur als mustergültig bezeichnen kann. Er hat sich von ganz unten hochgearbeitet und jetzt einen gut bezahlten Job bei der ReAg, dem Frankfurter Stromversorger. Dabei hatte er anfangs in der Schule und später im Jurastudium viel Glück gehabt, denn er traf immer wieder auf Leute, die ihn, den jungen Ostdeutschen aus prekären Verhältnissen, förderten. Manchmal wurde er dabei zu einer Art „Vorzeigeemporkömmling“ und diente der Erfüllung der Quote bei der Studienstiftung. Wie auch immer, Renée Hartenstein wurde zum lebenden Beweis dafür, dass man es schaffen kann. Weiterlesen

„Sie hat ein gläsernes Klavier im Bauch und Angst, dass es kaputt geht…“

Miriam Toews erzählt einfühlsam die Geschichte zweier ungleicher Schwestern

Elfrida, meist nur Elf genannt, und Yoli, eigentlich Yolanda, sind Schwestern. Sie wachsen in einem kleinen Ort in Kanada auf und ihre Eltern gehören den Mennoniten an, einer freikirchlichen Gemeinde. Ihr Leben wird von strengen kirchlichen Gesetzen geprägt und die Schwestern müssen vieles geheim halten. Zum Beispiel darf niemand wissen, dass es ein Klavier im Haus gibt. Vor Besuchern wird es stets versteckt und die begabte Elf wird heimlich unterrichtet. Weiterlesen

Vom Sich-Verlieren und Wiederfinden

Stefan Moster fragt in seinem aktuellen Roman nach Wahrheit und bleibenden Werten

Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, die eine ganze Kette von Fragen und Veränderungen nach sich zieht. In Stefan Mosters viertem Roman, Neringa oder die andere Art der Heimkehr, ist es ein Bild der Felseninsel Mont-Saint-Michel in der Normandie, die den erwachsenen Enkel an den Großvater denken lässt und daran, dass dieser im Krieg dort war.

Der Enkel lebt in London und hat einen gut bezahlten Job in der IT-Branche. Er ist zugleich der Erzähler des Romans, der seiner eigenen Familiengeschichte nachspürt und dabei Mythen und Legenden hinterfragt, die es in jeder Familie gibt und an deren Wahrheit niemand jemals zweifelt. Weiterlesen